< Wissenschaft beim Hausarzt
22.04.2012 18:05 Alter: 1 Jahre
Kategorie: KASSENARZT
Autor:  Wolfgang Wagner

Hausarztmodell ohne Sparmeister-Zwang

Was man aus den Beispielen aus Deutschland, Italien und der Schweiz lernen sollte.


Dr. Reinhold Glehr, Präsident der ÖGAM

Die Österreichische Ärztekammer und die ÖGAM luden Mitte März zum „Tag der Allgemeinmedizin“.

Präsentiert wurden dort von Ärztevertretern aus Südtirol, Baden-Württemberg und der Schweiz die lokalen Hausarzt-Systeme.
DER KASSENARZT befragte ÖGAM-Präsident Dr. Reinhold Glehr nach den Lehren, die man für Österreich ziehen müsste. Fazit: Zwanghaft darf die Beteiligung nicht sein. Und der Hausarzt als Sparmeister wäre kontraproduktiv.
In Italien gibt es regionale Gesundheitsdienste – Hausärzte haben Exklusivverträge.
Die Patienten müssen in ihrem Umfeld einen Hausarzt wählen, über den fast ausschließlich der Zugang zum Gesundheitssystem läuft. Bezahlt wird via „Kopfquote“. Allerdings, in den vergangenen Jahren wurde von der italienischen Gesundheitspolitik ausgerechnet die Allgemeinmedizin vernachlässigt – mit noch mehr Konzentration auf die Spitäler.

Zwang aus historischen Gründen nicht sinnvoll

Ein Modell für Österreich? Glehr: „Meine sehr persönliche Meinung: Das Hausarztsystem Italiens sollte man in Österreich so nicht etablieren. Italien hat das ehemals vor allem aus Sparzwängen gemacht. Die Patienten in ein derartiges System zu zwingen erscheint mir in Österreich aus historischen Gründen nicht sinnvoll.“ Und wenn der Hausarzt primär als „Sparmeister des Gesundheitswesens“ zu agieren gezwungen sei, verliere der Patient das Vertrauen.
Der ÖGAM-Präsident – immerhin beruht das ÖÄK-Hausarztmodell zu einem Gutteil auf ehemals bei der ÖGAM gemachten Vorarbeiten – will lieber durch Förderung der Allgemein-
medizin eine bessere Abstimmung zwischen den einzelnen Versorgungsebenen erreichen: „Wenn jemand mit Kopfschmerzen auf einer Ebene mit juristisch bedingter strenger Regeldichte (z. B. via Spitalsambulanz, Anm.) in das Gesundheitswesen kommt, kann er gar nicht ohne CT wieder herauskommen. Im Hausarztbereich kann es in den meisten Fällen bei der Verdachtsdiagnose bleiben. Wenn aber der Zugang zum System so wenig geregelt ist wie bei uns, geht viel Geld verloren.“ Dort sei Sparpotenzial, nicht beim Verweigern von notwendigen Leistungen via Allgemeinmedizin.

Anreize in Baden-Württemberg

Glehr hält das Hausarztsystem in Deutschland, das in Baden-Württemberg auch realisiert wurde, für wahrscheinlich besser geeignet: „Dort wurden die Hausärzte aufgewertet, ohne absolut in die Gatekeeper-Rolle gezwungen zu werden. Jene Versicherten, die freiwillig dem Hausarztsystem beitreten, bekommen einen Rabatt bei den Zuzahlungen. Es gibt eine Bezahlung nach Pauschalen und spezielle Einzelleistungen.“
Im Grunde genommen – so der ÖGAM-Präsident – gehe es weniger um radikale Systemänderungen in Österreich, als vielmehr um sowohl ideelle als auch materielle Unterstützung der Hausärzte: 

  • „Die Gesundheitspolitik sollte die Allgemeinmedizin und die Funktion des Hausarztes mehr als bisher mitbedenken.“ Die Fixierung auf Spitäler alleine sei da wenig angebracht.
  • Verbesserung der Ausbildung der angehenden Hausärzte.
  • Gerechtere und adäquatere Bezahlung. „Es ist nicht einzusehen, warum hausärztliche Leistungen schlechter bezahlt werden sollten.“
  • Anreizsystem für die Beteiligung der Patienten an einem Hausarztmodell bzw. sanfte Beschränkung der Auswahlmöglichkeiten, was direkte Facharzt- und Ambulanzbesuche betrifft. Glehr: „Die Patienten sollen bei der Suche nach der bestgeeigneten Versorgungsebene unterstützt werden und nicht im System herumirren.“

Managed Care nach Schweizer Muster – nein, danke!

Am wenigsten sei für Österreich aus dem derzeit in der Schweiz anvisierten System mit der flächendeckenden Einführung von Managed Care abzuleiten.
Auf Grund der vielen Krankenversicherungen hat sich dort eine zusätzliche Managementebene mit starker Eigendynamik etabliert. Darüber sollen in der Schweiz die Bürger noch in diesem Jahr abstimmen.


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