< „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!“
22.04.2012 20:03 Alter: 1 Jahre
Kategorie: KASSENARZT
Autor:  Wolfgang Wagner

Honi soit qui mal y pense

Kolumne von Wolfgang Wagner


Blöde Geschichte! Die Aufgabenverteilung im österreichischen Gesundheitswesen wurde jahrzehntelang ohne Planung betrieben – und jetzt soll alles anders werden. „Honi soit qui mal y pense“ – „Ein Schelm ist, wer schlecht denkt!“, heißt es im Wappenspruch des britischen Hosenbandordens!  
Klar ist: Es muss eine neue Spitalslandschaft her, weil die alte zu teuer geworden ist bzw. ständig und unverhältnismäßig schnell teurer wird. Hauptverband-Chef Hans Jörg Schelling: „Zwischen 1998 und 2010 sind die Zahl der Ambulanzfrequenzen um zehn Prozent und die Kosten um 90 Prozent gestiegen. Die Facharztfrequenzen – nur die kann man mit den Ambulanzbesuchen vergleichen – sind um 43 Prozent gestiegen, die Kosten um 43 Prozent.“ Jetzt beraten eben Bundesländer, Sozialversicherung und Bund, wie man das ändern könnte.

Doch halt! Gibt es für die notwendigen Änderungen politische oder sachliche Kriterien? „Die Ergebnisse von Erhebungen hinsichtlich medizinischer Qualität und
Patientenzufriedenheit müssen ausschlaggebend für künftige Investitions- und De-Investitionsentscheidungen sein“,
sagte vor wenigen Tagen Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe (Ordensspitäler).
Aber hat es in Österreich schon jemals die Errichtung eines Spitals, die Aufrechterhaltung einer Abteilung etc. gegeben ohne … „Politik“? Wenn der Wert eines LKF-Punktes für ein Spital – je nach Bundesland – zwischen 0,96 und 1,40 Euro schwankt, dann „gute Nacht, reformfreudiges Österreich!“
Und dann ist da noch ein kaum überwindbares Problem: Jene Repräsentanten, die jetzt über die Reform verhandeln, haben „Interessen“, sind explizit die „Stakeholder“ des Systems.
Dr. Christian Kuhn, Rechtsanwalt und Mitglied der Bundesgesundheitskommission: „Es gibt in Österreich kein Gefühl für Unvereinbarkeiten. Die Bundesländer haben
allumfassende Macht. Sie sind Gesetzgeber, Finanzierer, Leistungsanbieter, Planer und Entscheidungsträger im Spitalsbereich. (…) Es ist höchste Zeit, dass hier Nachvollziehbarkeit und Transparenz einkehren.“

Da gehören Transparenz und „Vergangenheitsbewältigung“ her. Zum zweiten Punkt: Die Spitäler weisen auch deshalb eine stärkere Kostensteigerung auf, weil sich dort der medizinische Fortschritt abgespielt hat – deutlich weniger in der niedergelassenen Praxis. Dort wurde nämlich an Leistungen gespart, weil das den Krankenkassen nützte.
Die Krankenkassen kommen – zum großen Glück für den sozialen Zusammenhalt des Landes – für fast 100 Prozent notwendiger medizinischer Leistungen im niedergelassenen Bereich auf, leider bisher auch für mehr als 50 Prozent der Spitalskosten.  Auch hier gibt es eine Interessens-Gemengelage, die angepeilter Transparenz entgegensteht.
Man könnte – auf gut Wienerisch – „ganz deschperat“ sein. Wie nämlich aus jeder Menge Unvereinbarkeiten der große Reformwurf entstehen soll, ist (noch) nicht wirklich erkennbar.

Wolfgang Wagner,
Chefreporter
wagner(at)kassenarzt.at


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