Der Kassenarzt
 
3. 09. 2010

Fortschritte trotz Kassenmisere

In Salzburg wird das Brustkrebs-Screening „ernst“ – In der Steiermark geht es um einen besseren Leistungskatalog

Während die Bundespolitik in Sachen Krankenkassen-Finanzierung – interessanterweise bei jeglicher parteipolitischer Couleur – auf „stur“ bzw. „Njet“ schaltet, sind Ärzte in ganz Österreich aktiv an der Gestaltung der Zukunft des Gesundheitswesens beteiligt. Da könnte sich die „hohe Politik“, zum Beispiel in Salzburg und in der Steiermark, eventuell etwas abschauen.

„Mit dem neuen Jahr beginnen wir in Salzburg im Rahmen eines Pilotprojektes mit dem Mammakarzinom-Screening. Die Zielpopulation sind jene Frauen, die noch nicht beim Gynäkologen in Betreuung sind. Wir machen da für ganz Österreich etwas Besonderes“, sagte Dr. Walter Arnberger, Kurienobmann der Niedergelassenen Ärzte in Salzburg, gegenüber Der Kassenarzt.

„Schande“

Seit Jahren fordern namhafte österreichische Experten das flächendeckende Mamma-Ca-Screening in Österreich. So erklärte beispielsweise Univ.-Prof. Dr. Ernst Kubista, Chef der Abteilung für Spezielle Gynäkologie der Wiener Universitäts-Frauenklinik: „Das ist eine Schande. Österreich ist das einzige Land der EU, das ein solches Programm nicht hat. Wir können stolz auf die Brusterhaltungsrate sein, die mit 75 Prozent die höchste weltweit ist. Nicht stolz können wir darauf sein, dass es für die Frauen zwischen dem 50. bis 70. Lebensjahr noch immer kein Mammakarzinom-Screening mit regelmäßigen Einladungen gibt.“ Genau das soll jetzt in Salzburg geschehen: Die Frauen zwischen 50 und 70 werden zu den Vorsorgeuntersuchungen schriftlich einberufen. Arnberger, selbst Gynäkologe mit Kassenpraxis in Neumarkt am Wallersee: „Das Besondere liegt auch darin, dass wir – wie die EU das verlangt – ein ‚double reading‘ (Begutachtung durch zwei Ärzte, Anm.) der Mammografien haben werden.“

Module statt Groß-ELGA?

Relativ bald beginnen will man in Salzburg in diesem Jahr mit den Honorarverhandlungen mit der Gebietskrankenkasse. Hier steht die Atmosphäre auf „partnerschaftlichem Kurs“. Verhandelt werden die Jahre 2008/2009. Während – so Arnberger – das vergangene Mal eine „reine Erhöhung“ der Tarife herauskam, will man dieses Mal auch strukturelle Veränderungen herbeiführen.
Ebenfalls neu in Salzburg: Gemeinsam mit „Microsoft“ wird ein System entwickelt, das modular Funktionen wie E-Medikation, Arzneimittelsicherheitsgurt, Überweisungen und Laborbefunde umfassen soll. Arnberger: „Das ist ähnlich wie ELGA, aber um Quantensprünge kostengünstiger und funktioniert unter Wahrung des in Kraft befindlichen Datenschutzgesetzes.“ Aktiviert wird das System durch Stecken der Ordinationskarte und der E-Card durch den Patienten. Der Standesvertreter: „Damit kann kein Missbrauch betrieben werden. Man muss auch nicht das Datenschutzgesetz ändern.“

Nur die Kasse, die will nicht so!

Hintennach verhandelt wird derzeit in der Steiermark. Die Ärztekammer mit Kassenärztereferent Dr. Harald Tschojer will die Anhebung sämtlicher Honorare um zwei Prozent für alle Vertragsärzte und die technischen Fächer erreichen. Es geht um das Jahr 2007. Was vor allem in Sachen der von den Spitälern in ganz Österreich offenbar betriebenen Auslagerung von Untersuchungen vor geplanten Operationen (siehe auch die Finanzkrise der Wiener Gebietskrankenkasse, Anm.) auch in der Steiermark unumgänglich ist: Die Bezahlung der notwendigen Diagnostik beim Hausarzt.

Dr. Tschojer: „So benötigen wir Allgemeinmediziner in der Steiermark dringend die Verrechnungsmöglichkeit für das EKG. Das ist derzeit nur im Akutfall möglich. Aber diese OP-Vorbereitungen, oft bei jungen Leuten, kann der Praktiker natürlich machen.“
Eine Nachfolgepraxis-Regelung, bei der in den letzten drei Jahren der niedergelassene Arzt bereits mit seinem Nachfolger zusammenarbeitet, steht ebenfalls ganz oben auf der Forderungsliste – genauso wie eine moderne Vertretungsregelung für Praxen.
Nur, die steirische Gebietskrankenkasse will offenbar nicht so. Tschojer: „Wir hätten einen fertigen Gruppenpraxen-Vertrag.“ Allein, es fehlt am endgültigen O.K. durch die Kasse.

Etwas perfide: Ausstieg aus Arznei-Dialog?

Ziemlich perfide ist offenbar das Agieren der steirischen Gebietskrankenkasse beim auch für die Ärzteschaft erfolgreichen Arznei-Dialog. Tschojer: „Die (die steirische Gebietskrankenkasse, Anm.) wollten raus. Da ist viel Geld geflossen. 60 Prozent der Einsparungen gingen an die Krankenkassen, 40 Prozent wurden für neue ärztliche Leistungen aufgewendet. Wir konnten damit eine ganze Menge neuer Leistungen in den vergangenen Jahren einführen bzw. abgegolten bekommen.“
Doch die steirische Gebietskrankenkasse wollte plötzlich nichts mehr von diesem Modell wissen. Man hat offenbar sogar schon Angst vor vernünftigen Wegen, durch möglichst kostengünstige Verschreibungen und einen Interessensabtausch zur Finanzierung neuer Leistungen zu kommen. Naja, ein prognostiziertes Defizit von 76 Mio. Euro für dieses Jahr (ein Minus von 6,3 Prozent gemessen an den Einnahmen) und nur wenig Besserung für 2008 (minus 4,4 Prozent) werfen eben Schatten voraus. Auch wenn es volkswirtschaftlich dumm ist.     (ww)


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