Netzwerke
Nach der Polit-Drohung der Ambulanten Versorgungszentren (AVZ): Im Jahr 2008 waren plötzlich neue Ansätze in der Zusammenarbeit der niedergelassenen Kassenärzte untereinander und in der Kooperation mit den Spitälern gefragt. In der Steiermark wurde das Styriamed.net in zwei Bezirken – Hartberg und Leibnitz – geboren. Mit einigem Erfolg, wie sich herausstellt.
„Meine grundsätzliche Intention, das Projekt zu starten, war im Jahr 2008 der Streit mit Gesundheitsministerin (Andrea) Kdolsky, als mit den Ambulanten Versorgungszentren gedroht wurde. Für die Bevölkerung ist es wichtig, dass die gute Versorgung in Einzel- und Gruppenpraxen gut, richtig und von erfahrenen Ärzten beibehalten wird. Aber wir brauchen auch eine bessere Vernetzung“, sagte der steirische Ärztekammerpräsident Dr. Wolfgang Routil im Gespräch mit DER KASSENARZT. Eine Randbedingung war auch, dass im Jahr 2008 die Hoffnungen auf die Ärzte-GmbHs wieder einmal zerstoben.
Routil schaute sich auch international um – so zum Beispiel gab es in der Schweiz gute Erfahrungen –, und schließlich wurde mit den niedergelassenen Ärzten im Bezirk Hartberg sowie im Bezirk Leibnitz und den regionalen Krankenhäusern (Hartberg und Wagna) die Initiative in zwei Netzwerken gestartet.
Die prinzipiellen Ziele:
- Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmedizinern und niedergelassenen Fachärzten
- Verbesserung der Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten und Spitälern
- optimierte Terminvergaben im niedergelassenen Bereich für die Patienten
- verbesserte Absprachen, was Ordinationszeiten und Urlaubsvertretungen angeht
- Stärkung der Position des Hausarztes als erster Ansprechpartner für die Patienten
Dr. Hermann Angermeier, derzeit lokaler Obmann der Initiative im Bezirk Hartberg: „Bei uns sind 23 Allgemeinmediziner und elf Fachärzte beteiligt.“ Das ist die große Mehrzahl der niedergelassenen Ärzte in der Region. Eine der für die Patienten wichtigsten Initiativen: die Vergabe von Terminen in den Praxen. Angermeier: „Wir kennzeichnen die Überweisungen, ob sofort ein Termin notwendig ist, ob man etwas warten kann oder ob es sich um einen reinen Routinetermin handelt.“
Auf der anderen Seite wurde mit den für den niedergelassenen Bereich wichtigsten Spitalsabteilungen der Regionen – vor allem Chirurgie und Interne – zusammengearbeitet. Schließlich sollte ja die Kooperation auch die Spitalsambulanzen von dort optimalerweise nicht wirklich hingehörenden Patienten befreien. In der Region Leibnitz machen 30 niedergelassene Ärzte mit. Zum großen Teil sind es dieselben Schwerpunkte wie in Hartberg, aber jede Initiative setzt auch ihre eigenen Nuancen. Der steirische Ärztekammerpräsident Routil betont den lokalen Charakter dieser Initiativen: „Jeder Bezirk wird seine eigenen Ideen haben, man kann auch voneinander lernen. Wir wollen die Netzwerke langsam wachsen lassen.“
98 Prozent der Patienten mit Hausarzt
Eine Evaluierung wurde vor kurzem – nach einem Jahr – mit dem Ärztlichen Qualitätszentrum in Linz und „socialimpact“ durchgeführt. Es gab Befragungen der Ärzte und Patienten, aber auch Analysen der Patientenströme.
Ein Faktum voraus: Die Kassen-Allgemeinmediziner brauchen um ihren Ruf in der Bevölkerung und ihren „Stand“ nicht zu fürchten. Maria Laura Bono („socialimpact“): „Faktisch ohne Ausnahme haben alle Patienten einen Praktischen Arzt als ersten Ansprechpartner.“ In Zahlen ausgedrückt waren es 98 Prozent. Es wäre also durchaus sinnvoll, wenn das österreichische Gesundheitssystem gerade diese Funktion stärken und nicht schwächen würde. 70 Prozent der Hartberger Patienten erklärten, immer zunächst den Hausarzt zu konsultieren. Im Bezirk Leibnitz lag dieser Prozentsatz bei 60 Prozent. Routil: „Einerseits sollen die Patienten eine direkte Beziehung zu ihrem Hausarzt haben. Andererseits sollen ihnen dadurch auch Irrwege erspart werden. Und schließlich geht es in den Netzwerken auch darum, mit dem Krankenhaus arbeitsteilige Prozesse zu gestalten.“
Für Angermeier hat die Evaluierung durchwegs positive Ergebnisse erbracht: „Immerhin 15 Prozent der Patienten haben erklärt, dass das Ärzte-Netzwerk für sie eine Verbesserung bewirkt hat.“ Einige Daten, die vor kurzem auch in der steirischen Ärztekammerzeitschrift zu den Erhebungen veröffentlicht wurden:
- Knapp 29 Prozent der beteiligten Allgemeinmediziner sprachen von einer starken Verbesserung der Zusammenarbeit, hinzu kam noch ein Drittel, das „eher“ eine Verbesserung erkennen konnte.
- 40 Prozent der Fachärzte gaben an, dass es „eher“ zu einer Verbesserung gekommen sei.
Allerdings, man darf sich offenbar auch keine Wunder erwarten: So verzeichnete die chirurgische Ambulanz im KH Hartberg weiterhin zu 80 Prozent Routinefälle (zwölf Prozent Aufnahmen). In Hartberg betrug der Anteil der Notfälle in der Internen Ambulanz 89 Prozent, in Leibnitz/Wagna war der Anteil der Routinefälle in der Ambulanz bei 64 Prozent. 40 Prozent der Patienten stimmten sowohl in Hartberg als auch in Leibnitz außerhalb der Kerndienstzeiten der niedergelassenen Ärzte „mit den Füßen“ für Ambulanzen ab, obwohl es flächendeckende Nacht- und Wochenendbereitschaftsdienste gibt.
Patientenströme nur langsam zu ändern
„Wir meinen, dass etwa 40 Prozent der Patienten nicht im Krankenhaus, sondern sehr gut im niedergelassenen Bereich versorgt werden können“, meinte zum Beispiel Dr. Heinrich Leskowschek, Chef der Internen Abteilung am Krankenhaus Hartberg, in der steirischen Ärztekammerzeitschrift. Für Kammerchef Routil ist das aber auch eine Frage der Zeit: „Man kann nicht dekretieren, wo die Patienten hingehen. Außerdem ist für eine solche Veränderung ein Jahr zu kurz.“ Während man eingefahrene Reaktionsmuster wahrscheinlich nur mittel- bis langfristig ändern kann, bemerkte Angermeier auf Seiten der Ärzteschaft Änderungen, die den Service für die Patienten verbessern: „Zwei Internisten bei uns machen jetzt zum Beispiel abwechselnd alle 14 Tage eine Ordination Samstagvormittag.“ Für die Proponenten auf ärztlicher Seite steht als Ziel aber auch die Stärkung der wirtschaftlichen Situation der niedergelassenen Ärzte. Angermeier: „Wir denken an einen gemeinsamen Einkauf von Laborgeräten oder Ordinationsmaterial, z. B. Teststreifen etc.“
Bei einer besseren Abklärung und Aufteilung von Aufgaben, welche Krankenhaus oder niedergelassene Ärzte prioritär wahrnehmen sollten, gibt es auf beiden Seiten den Wunsch nach noch mehr Zusammenarbeit. Der Hartberger Allgemeinmediziner: „Zum Beispiel die Kontrolle der Blutgerinnung will das Krankenhaus nicht mehr durchführen. Das können wir in der niedergelassenen Praxis leicht tun. Dafür kann das Krankenhaus wiederum andere Aufgaben wahrnehmen, zum Beispiel die Diabetiker-Beratung.“
Weiz und Leoben
Die positiven Erfahrungen mit den Netzwerken lassen die steirischen Ärzte bereits an eine Ausdehnung denken. Angermeier: „Nach Möglichkeit sollte das auf die ganze Steiermark ausgedehnt werden.“ Die Bezirke Weiz und Leoben würden in absehbarer Zukunft dazukommen. Kammerchef Routil sieht die Ärztenetzwerke auch als Vehikel, die niedergelassene Ärzteschaft so zu stärken, dass es auch in Zukunft über sie eine wohnortnahe flächendeckende Versorgung gibt. Sie seien auch bei weitem nicht nur im ländlichen Raum denkbar: „Ich selbst bin mit meiner Ordination zwar in der Stadt. In der Stadt gibt es die stärkste Versorgungsdichte, was Vertragsärzte und Spitäler angeht, aber ich glaube, dass solche Netzwerke auch in größeren Städten ein enormer Vorteil wären.“ (ww)